Die Sache mit Silvester

An Neujahr konnte ich ab 20 Uhr wieder feste Nahrung zu mir nehmen – ein untrügliches Zeichen dafür, dass es eine großartige Feier gewesen sein wird. Das war nicht immer so gewesen. Fast nie, um genau zu sein.

Was hat man nicht schon alles mitgemacht an Silvester. Mal ganz rustikal in einem Vorort von Danzig gefeiert, in einem winzigen Zimmer – mit dem Klo draußen in der Garage. Da wurde man bei minus zehn Grad bei jedem Klogang nüchtern und hatte stets die Qual der Wahl: Trinke ich und werde nach jeder Pinkelpause aus dem gerade einsetzenden süßen Promilletraum jäh zurückgeholt oder lasse ich es gleich sein und entscheide mich für die Realität, so unaufgeregt sie in diesem Fall sein mochte?

Silvester mit den Schwiegereltern. Ich glaube, das muss man nicht weiter erklären.

Silvester in einem stylischen Hotel in Hamburg. Viele gutaussehende Menschen zwar, aber auch hier die Toilettenangst: Würde mein Alkoholpegel auf dem Niveau bleiben, während ich mich durch die dichte Menschenmasse presste, Zentimeter für Zentimeter, auf Höhe von so mancher Achselhöhe, zu der nach oben gestreckte Arme gehörten. Nach zwanzig Minuten war ich angekommen, nur noch eine Viertelstunde anstehen und dann Zentimeter um Zentimeter zurück. Doch da musste ich schon wieder.

Was gabs weiter? Eine Spieleparty bei Freunden, richtig gemütlich. Bommel war auch da. Grelles Deckenlicht erstickte jede vorsichtig aufkommende Stimmung im Ansatz. Außerdem kam dadurch Bommels bommelige Statur besonders zur Geltung – nicht unbedingt zu seinem Vorteil, das. Was im Einzelnen mit Bommel war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass er seinem Spitznamen alle Ehre machte. Bommel und Spieleabend – ich glaube, du bist im Bilde.

In Bommels Folgejahr wurde in der „Szene“, der wegweisenden Partyzeitschrift der Stadt, eine Erotikparty in einer Eppendorfer Villa angekündigt. Doch was darf man sich unter so einer Festivität vorstellen? Einen Hauch von Dekadenz sicherlich, ausladende Couchen, die richtig Asche gekostet haben, königliche Kronleuchter, ein opulentes Mahl, hippe, durchtrainierte Menschen in sexy Klamotten, keinen Bommel, keine Neonröhrern, dafür stimmige Klänge aus den Lautsprechern.

Der imaginierte Exzess sah dann konkret so aus, dass es am Buffet Frikadellen in Form von Geschlechtsteilen gab und oben im Wohnzimmer zwei Männer und eine Frau auf der Eckcouch versuchten, so unbefangen wie möglich ein Gespräch miteinander zu führen. Als wenn nichts wäre. Was Nettes aus dem Kleiderschrank hatten sie schon herausgekramt, das ja.

Im Augenblick lief es aber noch nicht so: unentspanntes Gesicht hier, nervöses Kratzen am Ohr dort. Und auf der Tanzfläche, auf dem Teppich direkt unter der Deckenlampe, da tanzte ein einsames Lackäffchen. Ein Mann mit glatt rasiertem Kopf und langem Lackrock bewegte sich so souverän es ging zum Rhythmus der Musik. – Hier würde es an dem Abend noch mächtig abgehen; das spürten wir.

Mein Freund verlangte am Eingang laut polternd die 200 Mark zurück, die wir an Eintritt für das Spektakel ausgegeben hatten; wir suchten das Weite. Spontaner Szenewechsel ins Voilà, den Technotempel der Stadt, in dem man so gar nicht daran dachte, die Türen zu den Sitzgelegenheiten vor 24 Uhr zu öffnen. Und so stand ich um Mitternacht da: im roten Abendkleid, barfuß, die Hochhackigen in der Hand, im Takt der Technomucke wippend, vor den Türen zum Sitzbereich wartend, auf Gnade und Einlass hoffend.

Hier endet die bunte Silvesterreihe selbstverständlich noch nicht. In einem anderen Club ein paar Jahre später verpasste der DJ den Einsatz und zählte vor der Stunde null gar nicht erst herunter. So befand man sich im neuen Jahr, ohne es gemerkt zu haben. Ein unspektakulärer Übergang – passend zur restlichen Feier.

Ja, und letztes Jahr? Da wollte ich dem Tango eine Chance geben und nahm an einer Silvestermilonga teil. Ich betrat den hell erleuchteten Raum fast zu spät: um 22.30 Uhr. Die strategisch günstigsten Plätze für Singlefrauen waren schon besetzt, die Plätze, von denen aus man am besten tanzwillige Männer erspähen, mit bohrenden Blicken nötigen konnte, darauf hoffend, dass sie einem Beachtung schenkten. Heute aber, nach sechs Monaten Abwesenheit von der Tangoszene, war ich Luft. Sogar Heinz und Ole, mit denen sonst niemand tanzen wollte, erkannten mich nicht. Ich packte meine Tanzschuhe in den Beutel – es war noch Zeit, zum Hafen zu fahren, wo es ein Feuerwerk gab.

Diese Idee hatte so ziemlich jeder andere Hamburger außer den tangoaffinen auch gehabt. Nicht einmal mit dem spontan geliehenen Smart bekam ich einen Parkplatz. Die Raketen, der Böllerhagel, sie erwischten mich im Auto, rechts und links schlugen sie ein, überall Rauch. Ich machte mir Sorgen um das Leihgefährt. Aussteigen unmöglich. Stehenbleiben und die Lieben anrufen, um ihnen ein frohes neues Jahr zu wünschen, ebenfalls. Kein Parkplatz. Irgendwann, irgendwo konnte ich halten, illegal an einer Baustelle, überbrachte meine Wünsche und fuhr weiter nach Hause.

Moment, ein gutes Silvester gab es schon! Auf der Ü30-Silvesterfete sagte ich zu meiner Freundin und ihrem Mann, ich würde nur kurz Zigaretten holen, verschwand von der Schlagertanzfläche, lief am Housedancefloor vorbei – und blieb da hängen. Meine Freunde sahen mich in dieser Nacht nicht wieder. Stattdessen adoptierten mich die Partypeople vom kleinen Dancefloor auf der Stelle. Sie gaben mir Bier zu trinken, das sich mit dem zuvor heruntergekippten Wodka-O natürlich prächtig vertrug. Ich lernte einen orientalisch aussehenden Mann kennen, der auf die Frage nach seinem Namen mit Peter antwortete. Als ich mir an die Stirn tippte, holte er seinen deutschen Pass raus, der Peter. Noch so ein Eingedeutschter.

Von den hochprozentigen Aufmerksamkeiten Peters und des restlichen Partyvolks war ich recht angeheitert, telefonierte an dem Abend noch mit Ägypten, weil ich mich bei der Vorwahl vertippt hatte. Der Rest verliert sich im Dunkeln. Ein rundum gelungener Abend.

Und dieses Jahr? In diesem Jahr stellte ich Ilka auf der Party in einem Waschsalon zweimal Ralle vor, wobei ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, ihn dort gesehen zu haben. Am frühen Morgen wurde ich von Andreas nach Hause getragen, über seiner Schulter hängend. Ich übergab mich ins Waschbecken und in diverse andere Behältnisse, hatte im Anschluss Muskelkater in der Rippengegend.

Dieses Jahr hat es sich wirklich gelohnt.


Wie geht es weiter nach Silvester? Natürlich mit den Neujahrsvorsätzen: „Grabbelkiste der guten Vorsätze“.
Oder bist du noch in Weihnachtsstimmung? Dann schau gern in den Autoren-Adventskalender anderer schreibender Kolleginnen rein.

Titelbild: © iStock/Firn

2 Kommentare zu „Die Sache mit Silvester“

  1. Pingback: Grabbelkiste der guten Vorsätze – Krasse Eloquenz

  2. Pingback: Das verbale Weihnachtskarten-Bastelset – Krasse Eloquenz

Kommentarfunktion geschlossen.